LEL 2022 – Hart aber Herzlich!

LEL 2022 – Hart aber Herzlich!

LEL 2022 – Hart aber Herzlich!

Am Sonntag, den 7. August 2022, startete ich um ca. 10:00 Uhr ein weiteres großes Fahrradabenteuer für dieses Jahr: London-Edinburgh-London (LEL) durch die schönsten Gegenden Englands und Schottlands.

London–Edinburgh–London ist ein Radmarathon, der in Form eines Brevet durchgeführt wird. Das bedeutet, dass jeder Teilnehmer seine Fahrweise und Pausen auf der rund 1.500km langen Strecke selbst bestimmt. Das Zeitlimit, um das Zertifikat zu erhalten, betrug 128 Stunden.

LEL gilt als britisches Gegenstück zu Paris–Brest–Paris (PBP) und findet ebenso alle vier Jahre statt (zuletzt 2017), und zwar jeweils zwei Jahre nach bzw. vor PBP. Vom Startort bei London geht es ins schottische Edinburgh und zurück. Es handelt sich um den längsten regelmäßig durchgeführten Radmarathon, der als BRM (Brevet Randonneur Mondiaux) anerkannt wird. Das ist ein extremer Test für mentale und körperliche Belastbarkeit! Wenn etwas schief geht, liegt es an jedem einzelnen selber, seine Fähigkeiten und seine Erfahrung einzusetzen, um es wieder in Ordnung zu bringen. Wenn man müde ist, friert oder hungrig ist, wird niemand einen retten! Aber wenn man es bis zur nächsten Kontrollstelle schafft, kann man sich der vollen Unterstützung und Aufmerksamkeit der LEL-Freiwilligen sicher sein.

Strecke und Charakteristik des Brevets

Eigentlich trägt LEL das Attribut „self-supported“. Das stimmt schon bis zu einem gewissen Grad! Entlang der Strecke gab es 13 Kontrollpunkte für die 20 Etappen hin und zurück. An jeder dieser Kontrollstellen konnte man Wasser auffüllen und genial gut essen. An manchen Kontrollen gab es sogar Massage-Service. Die freiwilligen Helfer waren extrem freundlich und hilfsbereit und versuchten, jeden mit allem Nötigen zu versorgen und zu motivieren, wieder weiterzumachen, wenn es manchmal schwer war …

Die Streckenführung war sehr fordernd! Anfangs war es zwar etwas flacher, aber der Gegenwind war relativ stark bei der Fahrt in den Norden. Allmählich begann es hügelig zu werden und es waren einige – auch längere Anstiege – zu bewältigen. Es summierten sich über 14.500 Höhenmeter entlang der gesamten Strecke. Ich bin das Höhenmeter-Sammeln eigentlich gewohnt (bei den 1.000 Meilen in Italien waren es in etwa auch gleich viel), aber offensichtlich versucht man vor allem in Schottland Straßen-Kilometer zu sparen, in dem die Straße vom Fuß bis zur Spitze des Hügels einfach eine gerade Linie bildet – ungeachtet der dadurch entstehenden Steigung von oft über 15-20%. Hätte mir ein paar Ritzel mehr auf meiner Kassette gewünscht, musste aber mit 30 Zähnen hinten auskommen. Das ging ganz schön auf die Oberschenkel … und kostete Zeit.

Apropos Zeit: Ich habe unterwegs meine Durchgangs- und Pausenzeiten dokumentiert. Dort findet man auch die genaue Streckenführung von Kontrollstelle zu Kontrollstelle.

Die Anstrengungen auf der Strecke wurden mit wunderschönen Ausblicken belohnt! Die Landschaft war zum Großteil sehr beeindruckend und oft blieb ich auch tatsächlich stehen, um diese Eindrücke zu genießen. Ich kann mir vorstellen, dass es wohl noch schöner gewesen sein könnte, wenn die Wiesen, die durch die vergangene lange Dürre schon „verbrannt“ waren, noch einen besseren Kontrast zu all den anderen Farben dargestellt hätten. Aber auch dieser gelbe Grundton hatte etwas besonderes! Im Gebiet von Yorkshire radelt man über Hügel, die durch das Heidekraut in violett gehüllte sind. Echt genial!

Wegbeschaffenheit

5% Fahrradweg
2% Nebenstraße
75% Landstraße
18% Bundesstraße

Wegtypen

13% eher rauer Straßenbelag. Im Norden mit vielen Ausbesserungen und Schlaglöchern.
86% Asphalt verschiedener Güte.
In Summe nur ein paar Kilometer Gravel, Pflaster, etc.

Die Strecke ist oft sehr einsam und man kommt nicht immer durch Ortschaften durch, wie man es z.B. von Paris-Brest kennt. Man durchquert verschiedene Nationalparks und ist oft sehr einsam in der Natur – was ich persönlich schön finde. Blöd ist manchmal, dass man unterwegs nicht immer leicht zu Wasser kommt. Da die Kontrollstellen aber nicht extrem weit auseinander liegen, war es Großteils auch kein Problem. Bei den langen Etappen gab es entweder eine „Secret Control“ mit Wasserstelle oder die Helfer standen mal zum Wasser-Auffüllen mit einem Bus am Straßenrand! Echt gut organisiert!

Wetter

Ich rechnete nicht damit, dass es keine einzige Minute während meiner 122 Stunden, die ich unterwegs war, geregnet hat. Meine Rad-Schutzbleche habe ich total umsonst durch UK transportiert! LEL 2017 forderte viele „Opfer“ durch den damaligen Dauer-Regen. Diesmal waren die Opfer eher der sehr starken Hitze tagsüber geschuldet. Es hatte bis zu 36°C im Schatten. Die Nächte – vor allem in Schottland – waren aber durchaus kühl. Ich trug während der Nachtstunden meist Ärmlinge, Knielinge und eine dünne Windweste. In 2 Nächten musste ich aber auch mein Thermo-Gilet, die winddichte warme Regenjacke und lange Handschuhe tragen, weil es durch einsetzenden Nebel sehr feucht und kalt wurde. Die Temperatur sank einmal sogar auf ca. 5°C in der Nacht. In den Morgenstunden war es öfters nebelig und ich hatte das Problem, dass meine Brille dauernd „anlief“ und ich nichts mehr sah. Das kostete mich einige Zeit und noch mehr Nerven, meine optischen Brillen immer wieder zu putzen. Ich sehe sonst leider nix …

Körper und Geist

Ich war ja nicht 100% fit im Vorfeld, da mich die damals in Wien grassierende Sommergrippe auch einige Tage ins Bett fesselte. Ich musste das 24h-Rennen in Kaindorf, dass auch ein Trainingsbaustein für LEL war, bleiben lassen und hatte eigentlich keine längere Ausfahrt mehr seit Anfang Juli gemacht. Deshalb war der Plan, das LEL einfach als „Radausflug“ und gutes Training zu sehen und jede Nacht eine Schlafpause von mindestens 2-3 Stunden einzulegen.

Ich bin mit dem Verlauf – was meine körperliche Leistung betrifft – sehr zufrieden! Am ersten Tag fuhr ich ca. 300 KM (knapp 2.000 Höhenmeter) relativ locker, was einen guten Grundstein für mein positives Abschneiden bildete. Am nächsten Tag war ich anfangs etwas ambitionierter und hielt einige Stunden mit einer etwas stärkeren Gruppe mit. Auf die Dauer war mir das Tempo – vor allem über die Hügel – dann doch zu hoch und ich steckte etwas zurück und absolvierte bis zur nächsten Schlafpause etwa 350 KM und 4.000 Höhenmeter mit einigermaßen harten Anstiegen.

Der dritte Tag war mein Leidenstag. Es ging erst noch bis Edinburgh recht wellig und dann zurück in den Süden über die Hügel, die ich vom Vortag schon kannte. Die Anstiege auf 2 Berge waren – genauso wie ich mir das bei der Abfahrt am Vortag gedacht hatte – noch viel länger und steiler als bei der Hinfahrt. Es waren lange Passagen von 15-20% Steigung dabei, die ich nur schwer drücken konnte. Manche Stellen waren mit meiner Übersetzung einfach nicht fahrbar und ich musste mein Rad schieben. Nach diesen 2 Hügeln bildete ich mir ein, dass es wieder besser werden müsste. Ich hatte das Geländeprofil nicht mehr im Kopf und begann mich richtig zu ärgern, dass noch ein knackiger Anstieg nach dem anderen folgte.

Auf der Etappe von Innerleithen nach Eskdalemuir traf ich meinen Schutzengel. Ein „caddle grid“ (Gitter in der Straße um Kühe/Schafe zu sperren) hatte ein riesen Loch, das ich in der fortgeschrittenen Dämmerung nicht sah und ich fuhr direkt rein. Weil ich bei solchen Gittern mein Gewicht immer etwas nach hinten verlagere, vermied ich einen Salto, der sicherlich anders ausgegangen wären. Ich konnte sogar einen Sturz abfangen und musste nur meinen Schlauch am Vorderrad tauschen. Die Felge blieb heil! Zusammen mit nachkommenden Radlern, die ich gleich warnte, versuchten wir das Loch mit herumliegendem Material zu stopfen und meldeten diese Gefahrenstelle dem Organisationsteam, die – wie ich später erfahren hatte – dort eine weitere Sicherung vornahm. Das alles kostete Zeit und bei der nachfolgenden Kontrollstelle gab es keine Schlafmöglichkeit. Deshalb fuhr ich weiter nach Brampton, wo ich nach einem „Verfahrer“, der mich ca. 5 KM kostete, erst um 05:30 ankam. Meine mentale Verfassung war in dieser Nacht ziemlich schlecht und ich quälte mich sehr.

Ich startete erst wieder um ca. 10:00 Uhr und an diesem Tag legte sich ein Schalter in meinem Kopf um. Ich weiß nicht genau, woran es lag. Ein Hauptgrund war wohl, dass ich an diesem Morgen auch meine Kopfhörer aktivierte und meiner selbst zusammengestellten „Ultra Cycling Motivation Playlist“ lauschte. Ich versuchte einfach, immer im Takt der Musik zu radeln und es gelang mir ausgesprochen gut. Ich war total happy, dass es über Stunden bergauf und in der Ebene so gut lief! Ich fühlte mich sehr stark – auch wenn natürlich die Watt-Werte nicht mehr so hoch wie am ersten Tag waren. Aber mein Kopf und Geist waren wieder voll bei der Sache und ich hatte Spaß, immer wieder Radfahrer einzuholen und zeitweise eine ganze Traube hinter mir nachzuziehen. Der nächste Tag von Malton bis St. Ives verlief ähnlich! Es war ein extrem schöner Tag am Rad für mich! Als die Abenddämmerung hereinbrach, überlegte ich mir den weiteren Verlauf. Ich hätte körperlich wohl einfach das Ding zu Ende fahren können, aber nachdem ich die Pausen und auch das Schlafen in den Kontrollstellen so liebgewonnen hatte, verzichtete ich auf die nächtliche Fahrt und nahm die letzten 120 am kommenden Morgen in Angriff. Die Strecke führte noch durch Cambridge und ich konnte diese wunderschöne Stadt ohne „Menschenmassen“ durchqueren! Tolle Eindrücke und riesen Vorfreude auf das Finish!

Ernährung/Erholung

Meine Ernährung ist wieder ganz auf der Basis von Vespa & OFM ausgerichtet gewesen. Durch die großartige Beratung meines Coachs Peter Defty gibt es grundsätzlich keine Fragezeichen im Bereich der Ernährung und Energieversorgung für meinen Körper. Vespa, der Fettstoffwechsel-Booster macht das Anzapfen meiner Fettreserven für diese Ausdauer-Leistung leicht und versorgt mich mit Basis-Energie! Für intensive Abschnitte hatte ich wie immer geplant, eine bestimmte Kohlenhydrat-Mischung (3-4 x 25g Carbs pro Tag) für meine Trinkflaschen zu verwenden. Durch das tolle Essensangebot bei den Kontrollstellen, änderte ich aber diesen Plan und genoss/kostete kleine Portionen der leckeren englischen Speisen – immer mit etwas Fett (Butter, Mayo) „OFM-style“ aufgepeppt. Ich verwendete 1-2 Einheiten meiner eigenen Carb-Mischung eigentlich nur, weil ich dort auch einige Aminos drinnen habe, die ich nicht missen wollte.

Mit OFM, Vespa und diesen „strategischen Kohlenhydraten“ hatte ich ganze Zeit lang „gute Beine“ und habe mich während der kurzen Schlafpausen extrem gut regeneriert.

Auch am Freitagabend nach dem Brevet und am folgenden Wochenende, dass ich zusammen mit meiner Frau und Freunden in London verbrachte, fühlte ich mich überhaupt nicht schlapp – auch wenn wir den ganzen Tag und Abend durch die Straßen von London streiften! Vespa simply works!

Zurück in Österreich machte ich eine Messung meiner Körper-Zusammensetzung. Ich hatte 3 kg abgenommen und mein Körperfett um 1,3 Prozentpunkte gesenkt. Die Muskelmasse blieb annähernd gleich, was darauf schließen lässt, dass ich für die während des Brevets ca. 25-30.000 verbrauchten Kalorien neben dem aufgenommenen Essen aus meinem Körper nur Fett und kaum Muskelmasse verbrannt habe.

Epilog

Am Freitag, den 12. August erreichte ich um 11:45 das Ziel nach 122 Stunden gesamt für 1.550 Kilometern und 14.500 Höhenmetern. Die Freude war riesig, als ich von den Helfern, Zuschauern und anderen RadfahrerInnen mit Applaus empfangen wurde! Ich fühlte mich dankbar, zufrieden und demütig, dass ich diese extreme Aufgabe gemeistert und so gut überstanden hatte!

Gerade habe ich erfahren, dass ca. 40% der Teilnehmer am LEL 2022 das Brevet – aus welchen Gründen auch immer – vorzeitig abbrechen mussten. Umso mehr freut es mich, dass ich mich auch nach diesen 5 Tagen noch sehr fit und frisch fühlte und diesmal auch mein Hintern „gehalten“ hat. Es lief einfach optimal!

Auch wenn es viele harte und schwierige Momente im Verlauf des Brevets für mich gab, konnte ich auf viele schöne Stunden am Rad zurückblicken! Die beeindruckende Landschaft, viele Gespräche mit anderen Radfahrern, die lange andauernden Sonnen-Unter- und Aufgänge bei angenehmen Temperaturen und auch die Hilfsbereitschaft und Freundlichkeit der Volunteers bei jeder der Kontrollstellen werde ich wohl nicht so schnell vergessen!